MENÜ MENÜ

Mehr Mut zur Kooperation!

Politische Arbeit braucht Zuversicht - darf sich aber trotzdem nicht auf das Prinzip Hoffnung verlassen. Wie sich DER MITTELSTANDSVERBUND auf "neue Normalität" und eine Zukunft einstellt, die deutlich ungewisser bleibt, erklärt Hauptgeschäftsführer Dr. Henning Bergmann im Interview.

12.06.2025

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im KOMPASS Mittelstand 2025: Mehr Mut! 

Sie sind seit einem Jahr neuer Hauptgeschäftsführer des MITTELSTANDSVERBUNDES. Wie hat sich ihr Blick auf den Mittelstand seitdem verändert?

Mein Blick auf den Mittelstand hat sich nicht verändert, aber geweitet. Der intensive Austausch mit unseren Mitgliedern macht deutlich, dass es keine Phrase ist, den Mittelstand als Rückgrat unserer Wirtschaft zu bezeichnen – hier wird eine Haltung beschrieben.

Weil der Mittelstand nicht nur standorttreu, sondern standortprägend ist.

Hier wird tagtäglich Verantwortung füreinander gelebt, was in unserem Mitgliedskreis durch den Kooperationsgedanken noch gestärkt wird. Dafür, dieses Engagement vertreten zu dürfen, bin ich nach wie vor sehr dankbar. Und ich verstehe es als Auftrag, dafür zu sorgen, dass das der Mittelstand nicht nur als Thema für Sonntagsreden herhält, sondern ganz oben auf der politischen Tagesordnung steht.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Wahlkampfversprechen für eine andere Wirtschaftspolitik auch wirklich von der neuen Bundesregierung gehalten werden?

Zuversicht muss man in der politischen Arbeit immer mitbringen – man muss nur wissen, dass man dafür auch etwas tun muss. Im Bundestagswahlkampf haben wir genau das gezeigt: Wir sind erstmals mit einem eigenen Positionspapier in den Wahlkampf gestartet, in dem wir nicht nur Forderungen aufgelistet, sondern konkrete Vorschläge gemacht haben. Der Titel unseres Papiers war und ist Programm: Mehr Mut – und damit Freiraum für Unternehmertum, Innovation und Wachstum.

Viele Versprechen der neuen Großen Koalition stimmen da optimistisch, auch wenn man in der Interessenvertretung natürlich nicht auf das Prinzip Hoffnung setzen darf. Dafür sind die Herausforderungen zu groß, gerade durch den internationalen Druck. In den kommenden vier Jahren muss es deswegen ganz zentral darum gehen, wirklich einen Richtungswechsel in der Wirtschaftspolitik zu gestalten: Jetzt muss die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes in den Fokus rücken. Der Mittelstand braucht wieder einen Rahmen, der ihn stabilisiert, trägt und ihm so Freiraum zum Wachsen lässt.   

Welche politischen Schwerpunkte wird DER MITTELSTANDSVERBUND also in dieser Legislaturperiode setzen?

Zentraler Schwerpunkt ist und bleibt das Thema Bürokratie: Hier braucht es konkrete und verbindliche Entlastungen, nicht nur weitere Versprechen. Und das gilt gerade angesichts der weiterhin angespannten konjunkturellen Lage:

Spürbarer Bürokratieabbau ist ein Wachstumsprogramm zum Nulltarif, der nicht nur die Konjunkturdaten, sondern auch die Stimmung hebt.

Bei diesem Thema ist für die Bundesregierung genauso entscheidend wie für unsere Interessenvertretung, gezielt auf die Europapolitik einzuwirken. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der hohen Steuer- und Abgabenlast. Die angekündigten Einkommen- und Unternehmensteuerreformen könnten zu einem echtem Wachstumsmotor werden – vorausgesetzt, sie werden wirklich mittelstandsgerecht ausgestaltet. Diese Reformen werden wir daher sehr eng begleiten.

Und natürlich spielen unsere kooperationsspezifischen Belange eine immens wichtige Rolle für uns: Mit Start der Koalitionsverhandlungen haben wir uns etwa gemeinsam mit dem Deutschen Raiffeisenverband (DRV) und dem Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) als genossenschaftliche Spitzenverbände direkt an die Verhandlerinnen und Verhandler gewendet. Gemeinsam haben wir die Bundesregierung aufgefordert, einen festen Ansprechpartner für die Genossenschafts- und Kooperationsbelange zu schaffen.

Sie haben es bereits angesprochen: Viele der für den Mittelstand maßgeblichen Regulierungen kommen "aus Brüssel". Was tut sich dort?

Wir haben bereits im Sommer letzten Jahres angefangen, einen verstärkten Fokus auf die Interessenvertretung in Brüssel zu legen. Dadurch ist nicht nur unser Büro vor Ort gewachsen und hat einen tollen neuen Kollegen hinzugewonnen, sodass wir jetzt wirklich von einem kleinen "Brüsseler Team" sprechen können. Vor allem konnten wir hier zeigen, was aktive Interessenvertretung möglich macht: Wir haben uns im Juli 2024 in einem Brief an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gewendet, um eine Überprüfung und Vereinfachung der Nachhaltigkeitsregulierungen zu fordern. Diesem Vorschlag ist die EU-Kommission gefolgt – das im November angekündigte "Omnibus-Paket" zur ESG-Regulierung können wir vielleicht nicht als unseren alleinigen Erfolg verbuchen.

Aber wir sind in den nun laufenden Gesprächen zur eigentlichen Ausgestaltung dieses Pakets ganz vorn mit dabei: Weil wir direkt mit einem eigenen Positionspapier ins neue Jahr gestartet sind und zusätzlich die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Mittelstand für eine umfassende Stellungnahme gewinnen konnten. Hinzukommen zahlreiche Gespräche – nicht nur mit Politikerinnen und Politikern in Brüssel, sondern auch mit unseren Mitgliedern direkt vor Ort. Denn aktive Interessenvertretung braucht den konkreten Praxis- und Unternehmensbezug. Bis zur finalen Überarbeitung der Nachhaltigkeitsregulierungen liegt daher noch etwas Wegstrecke vor uns. Aber wir haben jetzt bereits einen Meilenstein erreicht, der nur durch die direkte Unterstützung unserer Mitglieder möglich war. Daher an dieser Stelle: Herzlichen Dank für den stetigen, konstruktiven Austausch!  

Den intensiveren Dialog mit den Mitgliedern hatten Sie zum Start als Ziel vorgegeben – genauso wie einen Ausbau der Interessenvertretung insgesamt. Wo steht DER MITTELSTANDSVERBUND ein Jahr später?

Auf jeden Fall ein ganzes Stück besser zusammen: Für mich hatte oberste Priorität, dass wir unsere politische Interessenvertretung, unsere Unterstützungsangebote und unsere Kommunikation noch enger verzahnen – denn natürlich liegt auch die Stärke des MITTELSTANDSVERBUNDES in der Kooperation. Im letzten Jahr haben wir viel als Team dafür gearbeitet, dass Berlin, Köln und Brüssel, der Verband und die ServiCon Service & Consult noch enger zusammenwachsen. Denn je enger und verzahnter unsere Arbeit an den unterschiedlichen Standort läuft, umso schlagkräftiger werden wir auch. Und das erleichtert die Arbeit auf allen Seiten: Im hektischen politischen Alltag können wir schneller agieren – gleichzeitig wissen wir noch besser, welche Herausforderungen gerade den Unternehmensalltag bestimmen und wo es Unterstützung braucht. Hier bleibt der Auftrag auch in Zukunft: Zusammenwachsen, um zusammen zu wachsen. 

Stichwort "wachsen": Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind Zukunftsfelder, die der Mittelstand aktuell noch nicht in der Fläche bespielt. Wie wollen Sie das ändern?

Digitalisierung und insbesondere die "KI-Readiness" im Mittelstand voranzubringen, ist ein weiterer, wichtiger Auftrag für uns: Künstliche Intelligenz muss fester Teil der mittelständischen Innovationskultur werden. Als Transferpartner des Mittelstand-Digital Zentrums Smarte Kreisläufe haben wir bereits ein starkes Netzwerk aufgebaut, dass unsere Mitglieder und auch ihre Anschlusshäuser praxisgerecht und alltagsnah bei der Digitalisierung unterstützt. Um in Sachen Künstlicher Intelligenz ganz vorne mitzuspielen, wollen wir dieses Engagement noch weiter ausbauen: Denn KI-Prozesse brauchen konsistente und umfassende Daten, die ein einzelnes mittelständisches Unternehmen niemals allein erfassen kann – aber in der Kooperation gelingt. Damit haben wir die besten Voraussetzungen, um Datenaustausch und Datenmanagement im Mittelstand zu fördern. Zukünftig gilt es, den unterschiedlichen Kooperationsmodellen das passende Update zur Verfügung zu stellen.

Und zum Schluss: Wofür werden in den kommenden Jahren mehr Mut brauchen?

Wir müssen uns auf eine Zukunft einstellen, die nicht nur deutlich ungewisser ist – sondern auch deutlich ungewisser bleibt. Das erfordert nicht nur von uns als Verband oder von unseren Mitgliedern ein neues, hohes Maß an Flexibilität.

Es fordert vor allem auch die Politik: Sie braucht mehr Mut, den Menschen in diesem Land wieder etwas zuzutrauen.

Was vor allem bedeutet, dass sie Leistung, Eigenverantwortung und Unternehmertum wieder stärker wertschätzen muss. Und damit sieht, wer dieses Land maßgeblich am Laufen hält. Die ersten Ansätze der neuen Bundesregierung gehen da in die richtige Richtung. Aber wenn sie in der nächsten Legislaturperiode wirklich einen Politik- und Stimmungswechsel vollziehen will, muss sie mehr Mut zum Dialog mit der Wirtschaft aufbringen. Hier ist es unser Auftrag, sie auf die Probe zu stellen – eine Aufgabe, der wir uns ganz unerschrocken stellen. 

Zum E-Paper des KOMPASS Mittelstand 2025

Zurück zur Übersicht
Ronja Schultze | Leiterin Strategie & Koordination | Bundesverband Kooperierender Mittelstand (BKM)
Ronja Schultze<span class='info'>Leiterin Strategie & Koordination</span><span class='cat'>Bundesverband Kooperierender Mittelstand (BKM)</span> Ronja Schultze Leiterin Strategie & Koordination Bundesverband Kooperierender Mittelstand (BKM) E-Mail schreiben