Mehr Mut zum Engagement!
Harald Christ zeigt sich im Interview überzeugt: Gerade in polarisierten und herausfordernden Zeiten ist es wichtiger denn je, im Dialog zu bleiben und ruhig auch mal miteinander zu streiten. Wirtschaft und Politik lassen sich nicht voneinander trennen. Unternehmer sollten sich nicht scheuen, offen Stellung zu beziehen. Und: Sich einzubringen, lohnt immer!
10.06.2025
Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im KOMPASS Mittelstand 2025: Mehr Mut!
Bei der Beurteilung der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen sind aktuell viele Emotionen und auch Ängste im Spiel. Wie kann es Unternehmern gelingen, mit Mut und Vertrauen in die Zukunft zu schauen?
Unsere Wirtschaft steht vor großen, strukturellen Herausforderungen. Wir haben im internationalen Vergleich sehr hohe Energiekosten und zu wenig Investitionstätigkeit – um nur zwei Beispiele zu nennen. Hinzu kommt die unsichere weltpolitische Lage, die wir als Exportnation besonders zu spüren bekommen. Und trotzdem möchte ich ausdrücklich sagen: Die Wirtschaft steht trotz dieser Vorzeichen längst nicht so schlecht da, wie viele behaupten.
Wir haben eine starke wirtschaftliche Substanz und einen Mittelstand, um den uns die Welt zu Recht beneidet. Das Potenzial für einen Aufschwung ist also da.
Welche Rahmenbedingungen benötigt der Mittelstand aktuell am dringendsten, um sein Potenzial voll ausschöpfen und wachsen zu können?
Fast alle Unternehmen, mit denen ich spreche, werden von enormer Bürokratie ausgebremst. Diese muss dringend weiter zurückgebaut werden, Verwaltungsprozesse müssen verschlankt und konsequent digitaler werden. Fehlgeleitete Regulierung muss auf den Prüfstand. Zukunftstechnologien wie KI spielen eine wichtige Schlüsselrolle. Zudem leidet gerade der Mittelstand unter einem eklatanten Fachkräftemangel, insbesondere im Handwerk und in den technischen Berufen. Mehr Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung sind da ebenso wichtig wie eine kluge, gleichermaßen fördernde wie fordernde Integrationspolitik. Wichtig ist, dass wir Anreize schaffen für mehr Investitionen und Planungssicherheit für die Unternehmen. Grundsätzlich ist die Erkenntnis in der Politik wichtig, dass nur eine wachsende Wirtschaft unseren Wohlstand sichert. An Unternehmer und Mittelständler appelliere ich: Überlasst diese Debatten nicht allein der Berliner Politik. Bringt euch ein, legt den Finger in die Wunde und erklärt Politik, Medien und der Öffentlichkeit, wo der Schuh drückt.
Sie haben als Unternehmer schon früh Haltung gezeigt und sich offen gegen Populismus und rechte Tendenzen positioniert. Warum ist das für Sie so entscheidend?
Ich war immer ein politischer Mensch und werde es auch immer bleiben.
Nur weil ich Unternehmer bin und derzeit auch keiner Partei angehöre, werde ich nicht aufhören, mich zu Wort zu melden. Haltung zu zeigen, für unsere Werte einzutreten, gesellschaftspolitische Verantwortung zu zeigen, das gilt in diesen angespannten Zeiten umso mehr und ist auch für den Zusammenhalt unglaublich wichtig. Und ich würde mir wünschen, dass dies noch viel mehr Unternehmer tun – besonders was die Abgrenzung zu rechtem und linkem extremem Populismus angeht.
Wie können Unternehmer zu mehr gesellschaftlichem Zusammenhalt und zu sozialer Balance beitragen?
Wirtschaft und Politik kann man nicht voneinander trennen, sie beeinflussen sich gegenseitig. Nehmen wir zum Beispiel mal nur das Thema Fachkräftemangel. Würden wir von der AfD regiert, hätte Deutschland ein so großes Fachkräfteproblem, das kann und will sich keiner vorstellen. Schon jetzt erleben wir, dass die Debatten um den Rechtsruck in Deutschland zu einem Standortnachteil werden. Das sollten auch die Wählerinnen und Wähler dieser Partei berücksichtigen. Ich finde es als Unternehmer daher wichtig, die Stimme zu erheben, wenn etwas im Land aus dem Gleichgewicht gerät, und hoffe, dass das künftig noch mehr Unternehmer und Manager tun. Sie sind eine wichtige Stimme im Land und haben eine Vorbildfunktion.
Was ist Ihnen mit Blick auf junge Menschen wichtig? Wie kann man die Gestalter von morgen darin bestärken, mit Kraft und Zuversicht in die Zukunft zu gehen?
Zuerst einmal, indem man ihnen zuhört. Themen wie die Wohnungsnot, Zukunftsperspektiven und insbesondere bessere Bildung spielen in der öffentlichen Debatte eine zu geringe Rolle. Ich habe diesen Zustand in Hinblick auf das Bildungssystem schon 2009 in meinem Buch "Deutschlands ungenutzte Ressourcen" und 2022 in "Zukunftsfest: Wie wir die Chancen der 20er-Jahre nutzen müssen" kritisiert. Seitdem hat sich wenig gebessert – im Gegenteil. Das ist nicht nur schade, weil junge, gut ausgebildete Talente die wichtigste Ressource für unser Land sind, sondern sendet auch ein fatales Signal an die junge Generation. Viele fühlen sich nicht gehört und wenden sich, wie bei der Bundestagswahl im Frühjahr, schon in ganz jungen Jahren von den etablierten Parteien ab. Ich hoffe, dass hier ein Umdenken in der Politik stattfindet. Gleichzeitig appelliere ich bei Schulbesuchen oder in Universitäten aber auch an junge Menschen, sich für ihre Interessen stark zu machen – sie sind der Garant für unseren künftigen Wohlstand.
Sie gelten als ausgezeichneter Netzwerker. Welche Bedeutung hat für Sie reger Austausch und stetiger Dialog? Wie eröffnet man sich entsprechende Strukturen?
Ich hatte schon immer große Freude daran, neue Menschen, neue Perspektiven und Meinungen kennenzulernen. Die Voraussetzungen sind Offenheit und ein ehrliches Interesse an den Menschen.
Gerade in diesen polarisierten Zeiten ist es wichtiger denn je, miteinander ins Gespräch zu kommen, statt übereinander herzuziehen. Man muss streiten können und dürfen.
Schon Helmut Schmidt stellte fest: "Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine." Dieser Satz gilt heute mehr denn je. Ich bin der Auffassung, dass Meinungsverschiedenheiten auf Augenhöhe nicht nur ausgetragen werden müssen, sondern dass sie unsere Demokratie stärken. Aber viele ziehen sich in Echokammern zurück, wo sie sich nur noch von ihresgleichen bestätigen lassen. Das ist keine gute Entwicklung. Ich versuche, diese Gesprächsräume zu ermöglichen – und zwar über Parteigrenzen hinweg. Und das aus voller Überzeugung.
Viele Wirtschaftsunternehmen fürchten zukünftig negative Auswirkungen von Handelskonflikten, etwa zwischen Europa und den USA. Kann man trotz solcher Aussichten gelassen und positiv bleiben?
Wir sollten sogar möglichst gelassen und positiv bleiben. Die USA ist ein wichtiger Handelspartner für Europa – das gilt aber auch umgekehrt. Das sollten wir bei all den derzeitigen Irritationen und Unsicherheiten aus Washington nicht vergessen. Mit 450 Millionen Menschen, unglaublich starken Unternehmen und Industrien sowie zahlreichen Weltmarktführern müssen wir uns auch nicht verstecken – weder vor den USA, noch vor China oder anderen. Wichtig ist jetzt, diese Kraft zu nutzen, und auf die Stärkung unserer eigenen Souveränität zu setzen. Auch und gerade was Schlüsseltechnologien und den Technologiebereich betrifft.
Über die Harald Christ-Stiftung für Demokratie und Vielfalt teilen Sie Ihren wirtschaftlichen Erfolg und Ihren Wohlstand mit anderen. Was hat Sie dazu motiviert?
Mir geht es gut und ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben, die mir den Aufstieg ermöglicht hat – etwa über den zweiten Bildungsweg, den ich absolvieren konnte. So habe ich die Parteien der demokratischen Mitte in den letzten beiden Jahren mit insgesamt etwa einer halben Million Euro unterstützt. Auch meine Stiftung, die als gemeinnützige Testamentsstiftung irgendwann mein Vermögen erben wird, spielt dabei eine wichtige Rolle und unterstützt zahlreiche großartige Einrichtungen und Projekte. Dazu gehören solche, die sich der Stärkung von Kunst und Kultur verpflichtet haben oder der Unterstützung von benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Aber auch die Stärkung von unabhängigem Journalismus, der in diesen Zeiten leider von vielen Seiten angegriffen wird, ist mir ein Herzensanliegen.
Sie haben im letzten Wahlkampf alle Parteien der demokratischen Mitte, also SPD, CDU/CSU, Grüne und FDP, finanziell unterstützt. Warum sehen Sie es für sich mittlerweile als wichtige Aufgabe, sich gesellschaftspolitisch und parteiübergreifend einzubringen?
Weil wir uns gesellschaftlich aktuell in einer angespannten Lage befinden und ich der Meinung bin, dass wir uns alle einbringen müssen. Erst recht nach dem diesjährigen Bundestagswahlergebnis für eine Partei, die in Teilen als rechtsextrem eingestuft wird. Auf "Die da oben" zu schimpfen, ist ein unguter Trend. Wir leben in einer Demokratie und in einem Land, in dem sich jeder nach seinen Möglichkeiten einbringen kann und es auch tun sollte. Das kann in einer Partei sein, muss es aber nicht. Es gibt ausreichend Alternativen. Ich habe mich entschieden, mein Engagement derzeit parteiübergreifend einzubringen und mich als Unternehmer, aber auch über meine eigene Stiftung noch stärker gesellschaftlich zu betätigen.
Ronja Schultze
Leiterin Strategie & Koordination
Bundesverband Kooperierender Mittelstand (BKM)
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