Ist jede Verbundgruppe "sozial"?
Die EU-Kommission will soziale Unternehmen fördern, worunter aus Sicht des europäischen Spitzenverbandes der Genossenschaften — cooperatives europe —auch Genossenschaften fallen. Ein Papier des EU-Parlamentariers Sven Giegold bietet nun eine neue Antwort auf die alte Frage: Sind förderungswirtschaftliche Kooperationen „sozial“?
04.05.2012
Genossenschaften dienen ihren Mitgliedern - nicht der Allgemeinheit
Versteht man unter einem sozialen Unternehmen ein Unternehmen, das Ziele verfolgt, die man gemeinhin als gemeinnützig bezeichnen kann, dann sind Verbundgruppen oder Genossenschaften mit Sicherheit keine Sozialunternehmen. Schließlich dienen Kooperationen nicht der Allgemeinheit, sondern ihren Mitgliedern. Der MITTELSTANDSVERBUND hat sich daher in der Vergangenheit vehement dagegen gewehrt, Genossenschaften der so genannten „économie sociale“ zuzurechnen. In vielen Dokumenten der EU, zuletzt in den Mitteilungen zur Corporate Social Responsibility (CSR) und zur Europäischen Genossenschaft (SCE), wird die Genossenschaft als besonders stabiles Unternehmen im Zusammenhang mit der Krise beschrieben und dies auf ihre besondere Ausrichtung zurückgeführt.
Was ist ein "soziales Unternehmen"?
Auf einer vom grünen EU-Abgeordneten Sven Giegold veranstalteten Diskussionsrunde, zu der auch der für den Binnenmarkt zuständige EU-Kommissar Barnier erschien, trafen nun unterschiedlichen Definition des „sozialen Unternehmens“ aufeinander. Während Barnier im Rahmen seiner „Initiative for the Social Business“ in Sozialunternehmen Akteure sieht, die die gesellschaftlichen Auswirkungen im Fokus haben und nicht die Erwirtschaftung von Gewinnen, verfolgt Giegold in einem Programmpapier, das er für die Grünen ausgearbeitet hat, einen anderen, neuen Ansatz. Er sieht Unternehmen der sozial- und Solidarwirtschaft als private Unternehmen, die frei im Markt operieren, für die aber auch Ziele außerhalb des normalen Wirtschaftsbetriebes Bedeutung haben.
Shareholder Value vs. MemberValue
In der Diskussion im europäischen Parlament wurde dann stärker der Gegensatz zwischen rein kapitalistischen auf den Shareholder value ausgerichteten Unternehmen und Unternehmen, die sich um einen MemberValue bemühen, herausgestellt. Der Kreis der sozial- und solidarwirtschaftlichen Unternehmen wird damit auf Unternehmen erweitert, die durchaus Gewinn erzielen, diesen aber ausschließlich an ihre Mitglieder weitergeben oder aber thesaurieren. Auch ausscheidende Mitglieder nehmen am inneren Wert der Unternehmen nicht teil, sondern geben ihn in solidarischer Weise an zukünftige Mitglieder weiter. Die Unternehmen sind in den Leitungsgremien Vorstand/Aufsichtsrat (oder monistisches Board) und Mitgliederversammlungen demokratisch organisiert und verstehen sich als Selbsthilfeorganisationen.
Kooperationen stärken den Mittelstand
Dieses Verständnis unterscheidet sich nicht oder nur wenig von dem der Verbundgruppen. Stellt man auf deren förderungswirtschaftlichen Charakter ab, der entweder gesetzlich als Gesellschaftszweck der Genossenschaft festgelegt ist (§ 1 GenG) oder in der Satzung der Verbundgruppen, z. B. der Rechtsform der GmbH Co. KG, festgeschrieben ist, dann ergibt sich für Verbundgruppen und ihre Mitglieder der soziale Aspekt aus den Förderleistungen der Verbundgruppe für die angeschlossenen Händler, Handwerker und Freiberufler als deren Mitglieder. Die Förderleistungen der Kooperationen dienen der Existenzerhaltung kleiner und mittlerer Unternehmen. Dies wiederum führt zu mehr Wettbewerb gegenüber den Großunternehmen. Als Folge davon ergeben sich für die Verbraucher günstige Leistungangebote der KMU verbunden mit vielfältigen ServiceLeistungen, sowie eine stabile Nachversorgung in Bereichen außerhalb der Ballungszentren. Nachweislich haben kooperierende KMUs eine große Stabilität, einfach ausgedrückt sie werden seltener insolvent. Daher sind Arbeits- und Ausbildungsplätze in diesen Mitgliedsunternehmen der Verbundgruppen sicherer.als bei nicht-kooperierenden Unternehmen.
Ein Gewinn für alle
Ersetzt man die Begriffe Genossenschaft und Verbundgruppe durch „cooperatives“ und bedenkt, dass das Wort cooperatives nicht auf eine bestimmte Rechtsform hinweist sondern auf die Unternehmensphilosophie einer Kooperation, kann man auch nachvollziehen, dass viele Diskutanten die cooperative als Alternativmodell zu einer kapitalistischen Unternehmensphilosophie auffassen. Sieht man die kapitalistische Welt als „Haifischbecken“ an, dann sind cooperatives sicherlich in diesem Becken nicht zu finden.
Es gilt eben auch in dieser Hinsicht das Motto des international year of cooperatives: „Ein Gewinn für alle“.
Dr. Günther Schulte, g.schulte@mittelstandsverbund.de