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Mehr Mut zur Vielfalt!

Cawa Younosi ist Geschäftsführer des Charta der Vielfalt e.V., Arbeitgeberbündnis für die Förderung von Vielfalt in der Arbeitswelt. Sich proaktiv für Diversität und Inclusion einzusetzen, sieht er als eine wichtige Chance für den Mittelstand – und eine gute Möglichkeit zum Employer Branding.

27.05.2025

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im KOMPASS Mittelstand 2025: Mehr Mut!  

Sie engagieren sich für Chancengleichheit und Diversität in Unternehmen. Was schätzen Sie an dieser Aufgabe?

Als ich im September letzten Jahres bei der Charta der Vielfalt angefangen habe, war in Deutschland mit dem Erstarken der AfD schon absehbar, dass die Vielfalt in der Gesellschaft unter Druck gerät. Überrascht hat mich, mit welcher Wucht das Thema insbesondere nach der Wahl von Trump auf der Agenda gelandet ist. In erster Linie in den USA, aber auch hierzulande. Viele Unternehmen fühlen sich von den Entwicklungen in USA abgeschreckt, sie ziehen sich nicht zurück, sondern bekennen im Gegenteil proaktiv Farbe und stehen für Vielfalt ein. Wichtig ist, dass sich die verschiedenen Seiten nicht konfrontativ anschreien, sondern in den Dialog treten. Und ich schätze an meiner Aufgabe, dass ich gerade jetzt die Möglichkeit habe, die Debatten mitzugestalten und zu versachlichen. Bei Vielfalt geht es nicht um Ideologie – nicht um links und rechts. Vielfalt ist eine Tatsache.

Die Herausforderung ist, wie aus dieser Vielfalt ein Zusammenhalten entsteht, das dann auch messbar und für die Betroffenen erfahrbar wird.

Da kommt in Unternehmen Diversity Management ins Spiel. Auf der Agenda der Charta steht seit April ein Audit in Sachen Vielfalt. Es beschäftigt sich damit, welche konkreten Maßnahmen für Unternehmen relevant sind, um mit den Menschen, die man an Bord hat, erfolgreich zu sein. Und wie man für andere Menschen im Arbeitsmarkt attraktiv werden kann.

Vor der letzten Bundestagswahl haben Sie die Kampagne gestartet: "Demokratie kann man abwählen". Hätten Sie sich vor einigen Jahren vorstellen können, dass so eine Kampagne einmal notwendig wird?

Vor einigen Jahren konnte man sich noch auf beschränken, sachliche Wahlaufrufe zu teilen – das war genug. Wenn die Vorstände und CEOs sich heute dafür engagieren, dass man zur Wahl geht, dann machen sie das nicht nur aus ihrer eigenen Überzeugung heraus, sondern sie erfüllen damit auch eine Erwartungshaltung ihrer Mitarbeitenden. Es ist schade, dass es so weit gekommen ist, dass man nicht nur zur Wahl aufrufen und Nichtwähler mobilisieren muss, sondern auch dafür sensibilisieren muss, die demokratischen Parteien zu wählen, also keine Radikalen, keine Extremisten. Das ist keine schöne Entwicklung. Ich hoffe sehr, dass das in Zukunft wieder anders aussehen wird.

Wie viel Mut brauchen Unternehmen, sich mit den Themen Chancengleichheit, Vielfalt und Demokratie auseinanderzusetzen?

Sich für Demokratie und Vielfalt einzusetzen, gehört meines Erachtens zu den Kernaufgaben eines Unternehmers. Kein Unternehmen der Welt existiert in einem politischen Vakuum.

Demokratie erfordert eine starke Wirtschaft und eine starke Wirtschaft erfordert Demokratie.

Unser gesamter Erfolg und Wohlstand bauen auf einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung auf. Und da wäre es kurzsichtig zu sagen, dass einen das als Unternehmer nichts angeht. Auch wirtschaftlich wäre das wenig sinnvoll.

Rein statistisch haben wir ungefähr 30 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Das spiegelt sich auch in den Unternehmen wider. Und da kann man es nicht zulassen, dass diese Gruppe von Populisten oder Parteien angegriffen wird. Es ist ein Gebot des Anstandes, aber auch ein Management-Imperativ, beispielsweise intern in der Betriebsversammlung zu sagen: "Wir wissen, was draußen passiert, und wir finden es nicht gut. Werte sind uns wichtig und wir stehen zu euch". Es geht darum, Menschen mit Migrationshintergrund Sicherheit zu geben, und Empathie zu zeigen.

Menschen, die motiviert sind, sind produktiver. Und man ist nur dann höchst motiviert, wenn man sich zugehörig fühlt, wenn die emotionale Bindung zum Unternehmen am stärksten ist. Es ist also keine Frage von Mut, sondern des wirtschaftlichen Imperativs, sich zumindest intern einzubringen und idealerweise auch extern – sowie den Worten und Bekenntnissen auch Taten folgen zu lassen.

Ist diese klare Haltung auch ein Erfolgsfaktor für den Mittelstand? Oder nur für große Konzerne?

Gerade für den Mittelstand ist das essenziell. Viele Mittelständler sind weltweit vernetzt, global unterwegs und gehören zu den Weltmarktführern. Im Hinblick auf den Fachkräftemangel ist es ein Gebot, sich offen zu zeigen. Schließlich erhalten große Unternehmen etwa aufgrund ihrer Marke, ihrer Bekanntheit oder ihres Standorts leichter Bewerbungen von Fachkräften als Mittelständler, die als Hidden Champions möglicherweise weniger sichtbar sind.

Sich für Demokratie und gegen Diskriminierung stark zu machen, ist auch eine Chance für das Employer Branding.

So kann man sich von anderen abheben, die nicht so deutlich Stellung beziehen. Talente, die insbesondere im Bereich Engineering, IT oder Pflege immer knapper werden, kann man so auf sich aufmerksam machen und sich attraktiv präsentieren. Auf diese Weise bestärkt man die Menschen innerhalb des Unternehmens und fällt nach außen hin auf. Gleichzeitig ist diese Maßnahme äußerst kostengünstig.

Was würden Sie Unternehmern und Führungskräften sagen, die fürchten, wegen einer klaren Haltung wirtschaftliche Nachteile zu erleiden?

Der Otto-Chef hat im Februar in einem Handelsblatt-Interview zu Diversität und Nachhaltigkeit geäußert: Wenn es Umsatz kostet, dass einige nicht gutheißen, was man sagt oder tut, dann sei das eben so. Heißt: Haltung zu zeigen, funktioniert nicht, ohne dass man gegebenenfalls etwas spürt oder dass es auch etwas kostet. Es mag auch Ausnahmefälle geben, wo es nicht nur um "ein bisschen" Umsatz geht, sondern die Abhängigkeit sehr groß ist, beispielsweise bei Lieferanten. Da können die Verantwortlichen durchaus im Dilemma stecken: Kappt man Geschäftsbeziehungen – wohl wissend, dass dann so viel Umsatz verloren geht, dass Arbeitsplätze abgebaut werden müssen?

Solche Fälle sind mir aber bislang selten begegnet. In der Regel ist es eher so, dass man nur einige Kunden verliert. Denken wir an die Edeka-Werbung vor der Europawahl. Die meisten, die sich darüber empört haben, sind später wieder dort einkaufen gegangen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier – mögliche negative Reaktionen sollte man daher nicht überschätzen. Auf der anderen Seite darf man auch nicht unterschätzen, welche Kunden man neu dazu gewinnt und was man an Zuspruch erfährt. Viele Kunden sagen, dass sie nun erst recht bei einem Unternehmen einkaufen, das Werte vertritt.

Was kann die Politik dazu beitragen, die Chancengleichheit in der Arbeitswelt zu unterstützen und zu fördern?

Wir brauchen eine Politik, die auf Fortschritte setzt und die Augen nicht verschließt vor den Herausforderungen. Wir reden über Fachkräftemangel, wir reden über Potenzialverschwendung in Deutschland. Auf der anderen Seite leisten wir uns gerade bei der Bildung seit Jahren, dass wir Ressourcen nicht nutzen, weil wir den Bildungserfolg und die berufliche Teilhabe immer noch maßgeblich von der Herkunft abhängig machen: Von 100 Kindern, die Akademiker-Eltern haben, beginnen im Schnitt 74 ein Studium, bei Nicht-Akademikern sind es 21. Diese Kinder werden nicht dümmer geboren, sondern starten mit unterschiedlichen Chancen ins Ausbildungs- und Berufsleben. Man weiß um die Fakten und Gründe.

Also brauchen wir eine Politik, die darauf basierend handelt, sich nicht von Ideologie und Populismus treiben lässt und schon gar nicht die aktuellen Aktivitäten und Entwicklungen zurück dreht oder verlangsamt. Wir brauchen eine nach vorne gerichtete, aber trotzdem kritische Politik, die schaut, wo und wie man die Ursachen beseitigen kann, um den Status quo zu verändern. Ungleichheit oder Chancenungerechtigkeit in der Bildung und in der Gesellschaft darf man nicht ignorieren.

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