Zwischenruf: Politik im "Second-Life-Fever"
Zehn Jahre nachdem Linden Lab in San Francisco das "Metaversum" erfand, scheintseine Strahlkraft bis inskoalierende Berlin zureichen.
22.10.2009
Berlin,22. Oktober 2009: Wer in der realen Welt nicht mehr weiter weiss, baue sich eine irreale. Dieser Gedanke beflügelte wohl einst den amerikanischen IT-Freak Linden Lab, der als der Begründer des sogenannten Second Life gilt.Vor rund 10 Jahren hatte er dieIdee, die Möglichkeiten von Internet und moderner IT zu nutzen, um eine, wie in Wikipedia nachzulesen ist, "vom Benutzer bestimmte Parallelwelt von allgemeinem Nutzen, in dem Menschen interagieren, spielen, Handel betreiben und anderweitig kommunizieren können". Mittlerweile werden weltweit gigantische Server-Kapazitäten bereitgestellt, um eine schier unbegrenzt erscheinende Second-Life-Welt mit Aber-Millionen Interagierenden in den Bann eines virtuellen Universums zu ziehen.
Nicht auszuschließen ist, dass auchdie nach der Bundestagswahl zur Quadratur des Kreises angetretenen Koalitionäre von CDU, FDP und CSUdie Faszination des Second Life ereilte.Zu irgendeiner Zeit in den schier endlosenKoalitionsverhandlungen und nach mancherschlaflosen Nacht muss beim Knobeln um dieInkompatibilität von Wahlversprechen undHaushaltslage die zündende Idee gekommen sein: Der ramponierte reale Haushalt wird schlichtweg durch einen quasi virtuellen Nebenhaushalt,nennen wir ihn "Second account",aufpoliert und die erwartungsfrohe Wählerseele ist wieder in Ordnung.Der geneigte Urnengängersollauf keinen Fallmehr zur streng geschlossenen"user group" des "Second account" gehören und bekommtschließlich von der maroden Wand nur die frische Tapete zu sehen.So also schafft eine Politik des"bürgerlichen Lagers"Vertrauen bei den Bürgern! Der Solms´sche"Scherbenhaufen" kann doch auch wirklich nur ein voreiliger sprachlicher Ausrutscher gewesen sein. Schließlich hatte der schwarze Teil der Koalition schon mit der grundgesetzlich verankerte "Schuldenbremse"einen Teppich über die Scherben gerollt. Um im Bild zu bleiben, werden mit einem Schattenhaushalt nun auch noch die Vorhänge zugezogen.Ob damit aber wirklich die zu knappen Enden des Teppichs sowie die ersten Risse und hartnäckigen Flecken in demselben unbemerkt bleiben?
Beim Second Life warnen Ärzte und Psychologen bereits vielfach vor der Gefahreiner verzerrten Wahrnehmung von Fiktion und Realität. Für Dauernutzer verschwimmt die Trennung der beiden Welten zusehends mehr und mehr. Vorstellbar gar, dass die beidenSphären schließlich überhaupt nicht mehr zu trennen sind und manam Endebemerkt - wie die virtuelle Welt die Realität einholt oder sogar an ihr vorbei rauscht. Für den Second account würde es spätestens in einem solchen Falleeng. Doch andererseits: warum verlassen wir unsnicht einfachauf eine der vielen nächsten Wahlen in unserem Lande und setzen darauf, dassbis dahin ein findiger Tüftler einen Zugang zum "Third life" entdeckt hat und der Politik damit weitere heute noch ungeahnte Gestaltungsspielräume eröffnet?
L. Veltmann