Hauptstadtkongress 2012: Mehr Tempo bei der Ressourcensicherung
Steigende Energiekosten, ein drängender Mangel an Fachkräften und unkalkulierbare Rohstoffpreisentwicklungen: Wie können Kooperationen und Großhandel im globalen Wettlauf um knapper werdenden Ressourcen mithalten? EU-Kommissar Günther Oettinger, Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer und NORDWEST Handel-Chef Jürgen Eversberg nahmen auf dem 7. Deutschen Kongress für Kooperationen und Großhandel die Unternehmen genauso wie die Politik in die Pflicht: Anstelle dirigistischer Staatseingriffe muss mehr investiert werden - in Energieeffizienz, in Mobilität und in bessere Bildung.
26.10.2012
Berlin, 24./25. Oktober 2012. Steigende Energiekosten, ein drängender Mangel an Fachkräften und unkalkulierbare Rohstoffpreisentwicklungen: Wie können Kooperationen und Großhandel im globalen Wettlauf um knapper werdenden Ressourcen mithalten? EU-Kommissar Günther Oettinger, Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer und NORDWEST Handel-Chef Jürgen Eversberg nahmen auf dem 7. Deutschen Kongress für Kooperationen und Großhandel die Unternehmen genauso wie die Politik in die Pflicht: Anstelle dirigistischer Staatseingriffe muss mehr investiert werden - in Energieeffizienz, in Mobilität und in bessere Bildung.
„Die deutschen Energiepreise explodieren“ - EU-Energie-Kommissar Günther Oettinger bot den rund 400 Kongressteilnehmern eine schonungslose Analyse der deutschen Energiepolitik. Für die deutsche Wirtschaft seien die steigenden Preise für Öl, Gas und Strom verheerend — in immer mehr Branchen lösen die Energiekosten die Arbeitskosten als standortentscheidenden Faktor ab, so Oettinger. Ein Gegensteuern sei daher dringend notwendig, insbesondere gehöre die Förderung der Solarenergie auf den Prüfstand: „Das EEG führt heute zu massiven Fehlallokationen!“. 50 Prozent der weltweiten Photovoltaikflächen seien in Deutschland aufgestellt — obwohl in Deutschland „sicherlich kein Sonnenland“ sei. „Warum glauben wir, die Sonne überlisten zu können?“ Ebenso wichtig sei die Steigerung der Energieeffizienz. „Finanzanreize als goldene Zügel sind gefragt“, so Oettinger. Insbesondere die steuerliche Absetzbarkeit energetischer Gebäudesanierungen sei dringend notwendig. Hier sagte der EU-Energiekommissar den Teilnehmer zu, in seinen Gesprächen mit den Spitzen der Bundesländer auf eine schnelle Einigung zu drängen.
„Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen bezahlbarer Energie und der Sicherung der Mobilität“, betonte Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer im direkten Anschluss: „Der Handel ist auf umfassende Mobilität angewiesen!“ Trotz enormer Verkehrszuwächse sei die staatliche Verkehrsinfrastruktur jedoch massiv unterfinanziert: „Wir stehen vor einen riesigen Instandhaltungs- und Ausbaurückstand“, so der Minister. Hier dränge er im Kabinett auf eine Ausweitung der Investitionen. Ebenso seien innovative Mobilitäts- und Logistikkonzepte wie der Lang-LKW oder der Ausbau der Elektromobilität gefragt. Gegenüber den Spitzenvertretern der Kooperationen und Großhandelsunternehmen betonte er: „Die Elektromobilität birgt gerade für Ihren Lieferverkehr große Potenziale!“ So bieten elektrobetriebene Lieferwagen auch Zugang zu Gebieten mit strengen Lärm- und Emissionsvorschriften, so Ramsauer.
„Der Kampf um die Talente wird sich für die Mittelständler weiter zuspitzen!“, betonte Jürgen Eversberg, Vorstandsvorsitzender der NORDWEST Handel AG. Problematisch sei besonders die zunehmend mangelnde Ausbildungsreife vieler junger Menschen: „Zuerst einmal müssen unsere Azubis rechnen, schreiben und lesen können — daran scheitert es häufig!“. Eversberg fordert eine massive Qualitätsverbesserung im staatlichen Bildungssystem. Besonders der deutsche Föderalismus schaffe Mobilitätshürden und erschwere vergleichbare und wettbewerbsfähige Bildungsstandards. Doch neben dem Staat sieht Eversberg auch die Mittelstandskooperationen in der Pflicht — es reiche für Verbundgruppen lange nicht mehr, dem Mitglied nur seine Ware zu liefern. „Wir bieten ein Qualifizierungsangebot für alle Ebenen“, stellte Eversberg das Konzept der NORDWEST Handel AG vor. Konkret setzt der europaweit tätige Dienstleistungs- und Marketingverbund neben der Mitarbeiterqualifizierung und neben Angeboten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf zahlreiche Unterstützungsleistungen für die Mitglieder - wie etwa bei der Personalbeschaffung und Personalentwicklung. Auch mit der Akademie der Verbundgruppen würden aktuell intensive Gespräche geführt.
Video-Rückblick zum 7. Deutschen Kooperationskongress
Einen weiteren Ansatz zur Deckung des Personalbedarfs stellte Prof. Dr. Michael Hüther, Leiter des Instituts der deutschen Wirtschaft, vor. So biete der Einsatz von flexiblen Arbeitsformen - wie besonders der Zeitarbeit — den Unternehmen wichtige Flexibilität und eine höhere Verfügbarkeit von Arbeitskräften. Gleichzeitig biete Zeitarbeit den Beschäftigten einen niedrigschwelligen Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt. Nicht zu unterschätzen sei schließlich der „Klebeeffekt“ der Zeitarbeit, so Hüther: „Fast die Hälfte der Zeitarbeitnehmer bleiben im Anschluss an die Zeitarbeit dauerhaft beim letzten Kunden oder bei einem anderem Arbeitgeber“.
Sind politische Eingriffe in die Rohstoffmärkte hilfreich, um unberechenbare Preisschwankungen zu mindern? Dirigistische staatliche Maßnahmen können sogar neue Volatilitäten schaffen — diese Antwort gab Dr. Klaus-Dieter Schumacher, Group Vice President der Nordzucker AG. Anstelle von Markteingriffen wie etwa Exportembargos gehe es gerade für die europäische Agrarpolitik vielmehr darum, moderne Rahmenbedingungen für eine wissensbasierte und freihandelsorientierte Landwirtschaft zu schaffen. Die Spekulationen an den Agrarmärkten habe prinzipiell durchaus wichtige Funktionen - etwa gebe sie wichtige Preisanreize für Flächenausdehnungen und gleiche Ungleichgewichte aus. Gleichwohl seien gewisse regulatorische Einschnitte notwendig, um übermäßige kurzfristige Volatilitäten zu unterbinden. Nationale oder europäische Alleingänge seien hier jedoch nicht hilfreich — die G20-Staaten seien hier gemeinsam gefragt, so Schumacher.
Vertieft wurde die Themen schließlich — wie auch Fragen der Finanzierung, der Logistik/Beschaffung und des Marketings — in speziellen Workshops und Praxisforen. Schon am Vorabend genossen die Teilnehmer eine prachtvolle und gleichzeitig beschwingte Einstimmung auf den 7. Deutschen Kongress für Großhandel und Kooperationen: Im KOSMOS, dem ehemals modernsten und größten Filmtheater der DDR, präsentierten die Veranstalter in altehrwürdiger Atmosphäre die Swing-Band Andrej Hermlin And His Swing Dance Orchestra.
Einen Rückblick in Bildern finden Sie hier.
Der 8. Deutsche Kongress für Großhandel und Kooperationen findet am 9. und 10. Oktober 2013 statt.