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Geier fallen über Engel her

Dr. Jörg Ehmer, ehemaliges Präsidiumsmitglied im MITTELSTANDSVERBUND, kritisiert in einem lesenswerten Blogbeitrag mangelnde Zwischentöne in der modernen Medienwelt.

13.02.2014

Düsseldorf/Berlin, 03.02.2014 — An der aktuellen Berichterstattung über den ADAC kritisiertEhmer, dass sie zu undifferenziert ist. In der Realität gebe es schließlich nicht nur schwarz und weiß - sondern auch sehr viel grau dazwischen.

"In der Kommunikation der modernen Medienwelt gibt es immer weniger Zwischentöne. Entweder ist jemand heilig oder verabscheuenswert. Das gilt natürlich am Stärksten in der Politik, wie nicht nur die Beispiele "zu Guttenberg" und "Wulff" zeigen. Gestern gefeierte Helden, heute Deppen der Nation. Gewiss, die genannten Politiker haben Fehler gemacht. Aber so wenig richtig wie die vorherige Erhebung in den Heilsbringerstand war, so wenig angemessen war die spätere Art der medialen Hinrichtung und allgemeinen Häme. Liegt es etwa in der Natur der Deutschen, dass sie sich einerseits gerne am Makellosen orientieren, es aber andererseits nicht ertragen können und gerne darüber herfallen, sobald sich die Gelegenheit bietet? Wie schön, wenn Heilige nicht perfekt sind, dann bin ich mit meinen Fehlern gar nicht so schlecht?

Nun also der ADAC. Wie die Geier fallen sie von allen Seiten über die bisherigen (gelben) Engel her. Was ist rein sachlich betrachtet nach dem bisherigen Kenntnisstand passiert? Ein leitender Mitarbeiter hat die Teilnehmerzahlen einer Leserwahl wiederholt erheblich nach oben geschönt (nach derzeitiger Kenntnis aber nicht das Ergebnis manipuliert). Der ADAC hat sich von dem Mitarbeiter getrennt, um Entschuldigung gebeten und eine Untersuchung eingeleitet, an der auch Externe mitwirken werden.

Ein sicherlich ärgerlicher Vorgang, egal ob weitere Führungskräfte involviert waren oder ob "nur" geeignete Prozesse zur Überwachung und Kontrolle fehlten. Auch andere Adjektive können einem berechtigterweise neben "ärgerlich" in den Kopf kommen, beispielsweise peinlich oder unprofessionell. Aber wie wäre es für alles Weitere, wenn man jetzt erst einmal abwartete, bis feststeht, was wirklich passiert ist? In der Zwischenzeit ginge das Abendland schon nicht unter…

Freilich wäre dies recht nüchtern und kopfgesteuert. Emotional vorgetragene Verdächtigungen und schlechte Geschichten lassen sich hingegen gut verkaufen. In der allgemeinen Sensationslust und Skandalgier (… da muss doch noch mehr sein!) machen manche jetzt Schlagzeilen mit der Aussage, dass sie die Gefahr sehen, andere Umfragen könnten ebenfalls manipuliert worden sein. Von den Umfragen ist es nur ein kleiner Schritt zur suggestiv geäußerten Sorge, auch Tests, wie beispielsweise der Kindersitz-Test oder der Tunnel-Test, könnten manipuliert worden sein.

Zur besseren Einordnung: ein Blick auf die Webseite des ADAC verrät, dass es in den letzten Jahren wahrscheinlich eine dreistellige Testzahl gegeben hat. Diese hatten überwiegend transparente Bewertungskriterien und -maßstäbe. Die Durchführung erfolgte teilweise durch oder gemeinsam mit qualitätskontrollierten Dritten - offenkundig etwas völlig anderes als die Leserabstimmung einer Mitgliederzeitung. Der genannte Kindersitz-Test sowie der Tunnel-Test sind zumindest für mich als Laien alles andere als intransparent. Hier gibt es wie bei den meisten Tests jeweils eine Rubrik "Methodik und Hintergrund" mit detaillierten Informationen.

Und trotzdem, auch die nächste Misstrauensstufe ist schnell gezündet. Wegen dieses einen Vorgangs wird eine "Vertrauenskrise" und ein "sehr schwerer Imageschaden" herbeigeschrieben. Weil einer (oder vielleicht am Ende einige Wenige) die Teilnehmerzahlen der Leserwahl manipuliert haben, werden tausende Mitarbeiter unter Generalverdacht gestellt. Damit nicht genug: die Kompetenz des Managements wird in der Breite unsubstantiiert angezweifelt und eine generelle Strukturreform des ADAC gefordert. Andere verlangen gar die "Zerschlagung".

Ich maße mir kein Urteil darüber an, ob, gegebenenfalls in welche Richtung und wie weitgehend die Struktur des ADAC wirklich reformbedürftig ist. Für solche Entscheidungen hat ein Verein seine Mitglieder. Wem die Mitgestaltungsmöglichkeiten und die Transparenz nicht ausreichen, der kann versuchen, eine Änderung der Satzung herbeizuführen, eine andere Vereinsführung einzusetzen oder kann dem Club fernbleiben. Es wird ja keiner gezwungen, ADAC-Mitglied zu werden, sodass sich nun die Öffentlichkeit oder gar der Staat um die Vereinsstruktur kümmern müssten. Bisher scheint der Drang nach Veränderung bei den rund 19 Millionen Mitgliedern jedenfalls nicht besonders groß gewesen zu sein."

Den vollständigen Blog-Eintrag finden Sie im Blog von Dr. Jörg Ehmer.

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