Erfolgreiche Premiere für den Convent SME Groups Europe
Fast 100 europäische TOP-Manager begeistert von internationaler Tagung in Bologna
15.09.2009
Das Wort „Universität“ - verkürzt vom lateinischenuniversitas magistrorum et scholarium — steht für die Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, mithin dem Austausch von Wissen und Erfahrung. Die italienische Stadt Bologna, Hauptstadt der RegionEmilia-Romagna, beherbergt eine der ältesten Universitäten der westlichen Welt. Gegründet im Jahre 1088 sind heute fast 100.000 Studenten an 23 Fakultäten eingeschrieben — wahrlich ein Bildungszentrum. Grund genug, auch den ersten Convent SME Groups Europe als DIE Plattform für internationalen Erfahrungsaustausch im Bereich der Verbundgruppen in Bologna zu veranstalten.
So trafen sich vom 10.-12. September 2009 fast 100 Manager führender Verbundgruppen aus 9 europäischen Ländern, darunter Italien, Frankreich, Niederlande, Belgien, Schweiz, Österreich, Finnland und Schweden, zum grenzüberschreitenden Erfahrungsaustausch in der norditalienischen Universitätsstadt. Die bislang als Unternehmenspolitische Tagung (UPT) firmierende Veranstaltung (2008 in Istanbul, 2007 in Dublin, 2006 in Moskau, 2005 in Athen, 2004 in Krakau, 2003 in Montpellier, 2002 in Amsterdam, 2001 in Toledo und 2000 in Rom) wartete wieder mit zahlreichen TOP-Referenten auf. Unter dem diesjährigen Motto "Europa im Ausnahmezustand — eine Nagelprobe für Verbundgruppen“ diskutierten die Referenten und Teilnehmer teilweise kontrovers über Chancen und Risiken der Wirtschafts- und Finanzkrise. Einig war man sich aber stets darin, dass das Konzept der Kooperation mittelständischer Unternehmen als eines der wichtigsten probaten Mittel im Kampf gegen die immer stärker werdenden multinationalen Konzerne fungiert.
Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch den Bürgermeister der Stadt Bologna, Sergio Cofferati, eröffnete Herr Dr. Peter Hampl, Präsident der UGAL, den Convent. Dr. Hampl bedankte sich insbesondere bei den Vertretern der italienischen Verbundgruppe CONAD, die sich mit viel Elan und Engagement an der Organisation der Veranstaltung beteiligt hatte. Er nutzte überdies die Gelegenheit, auf einige Neuigkeiten aus Brüssel, insbesondere die Überarbeitung der Gruppenfreistellungsverordnung Vertikale Wettbewerbsbeschränkungen (GVO vertikal) sowie die in diesem Zusammenhang von ZGV und UGAL geforderte Liberalisierung (feste Preise bei Marketingaktionen) hinzuweisen.
Als erster Referent sprach sodann der Generalbevollmächtigte der Selex Gruppo Commerciale S.r.l., Dr. Riccardo Francioni, über „Aktuelle Herausforderungen für kooperierende selbständige Unternehmer am Beispiel der Selex-Handelsgruppe“. In beeindruckender Weise und vor dem Kontext der italienischen Handelslandschaft im Food- und Non-Food-Bereich schilderte Dr. Francioni die Erfolgsgeschichte der Selex Gruppe, die mit ihren Mitgliedern heute zu den führenden Einzelhandelsunternehmungen in Italien zählt und mit einem Umsatz von 8,2 Mrd. EURO einen Marktanteil von 8,5% besitzt. Aufgrund der besonderen Situation in Italien mit einem vergleichsweise hohen Anteil an traditionellen Fachgeschäften sowie dem Straßenhandel sei - so die ermutigende Schlussfolgerung von Dr. Francioni - die Bedrohung für Verbundgruppen des Handels durch multinationale Konzerne merklich gesunken.
Auch Camillo de Berardinis, Geschäftsführer und CEO der Conad, bestätigte diese Einschätzung. Conad (COnsorzio NAzionale Dettaglianti) ist der wichtigste italienische Kooperationsverband von Einzelhändlernund vereint über 2800 angeschlossene Verkaufsstellen mit insgesamt 35.200 Mitarbeitern in ganz Italien sowie Albanien und Malta. Nach einigen einleitenden Ausführungen zum sich ändernden Konsumverhalten berichtete de Berardinis über das im Jahre 2006 mit führenden europäischen Partnern gegründete Bündnis „Coopernic“. Das selbsterklärte Ziel dieser "Europäischen Allianz selbstständiger Handelsunternehmen", der neben der italienischen Conad, die Rewe Group (Deutschland), Colruyt (Belgien), Coop (Schweiz) und E. Leclerc (Frankreich) angehören, sei die Stärkung der Kooperationen auf den nationalen Märkten durch eine engere multilaterale Kooperation. Dies erfolge durch die bessere Positionierung auf internationalen Beschaffungsmärkten sowie die Verbesserung der Performance durch den europaweiten Know-how-Transfer im wachsenden Wettbewerb. Coopernic optimiere das Warenangebot und die Verkaufspreise, was letztlich den Kunden zugute komme. Die fünf Partner des Bündnisses, so de Berardinis weiter, bündele mit rund 18.000 Märkten in 18 Ländern Europas zusammengerechnet ein Umsatzvolumen von annähernd 100 Milliarden Euro.
„Der Handel in Europa spricht nicht italienisch“ lautete die provokante Überschrift eines Zeitungsartikels, auf die sich Ilaro Ghiselli vom Beratungsunternehmen IG Consulting, zu Beginn seines Vortrages zum Thema „Die Bedeutung der Kooperation für den Non food Markt“ stützte. Das Gegenteil sei aber richtig: Während die großen Vertriebsformen Marktanteile verlören, könnten die Fachgeschäfte in fast allen Bereichen hinzugewinnen. Dies sei nach der Erfahrung von Ghiselli nicht zuletzt ein Erfolg der Einkaufszentralen, die trotz des zunehmenden Wettbewerbs und zahlreicher Handelsschranken dazu in der Lage seien, dem mittelständischen Händler Umsatzsteigerungen zu bescheren.
Zu den Berühmtheiten von Bologna gehören nicht nur Umberto Eco oder der Physiker Guglielmo Marconi, der in Bologna studierte und sich mit der drahtlosen Telegrafie beschäftigte. Ebenfalls aus Bologna stammt auch einer der wohl bekanntesten europäischen Visionäre, der frühere italienische Ministerpräsident und EU-Kommissionspräsident Romano Prodi, der hier als Wissenschaftler und Professor arbeitete. Anlässlich des Convent SME Groups Europe sprach Romano Prodi nun als TOP-Speaker. Sein mit höchster Spannung erwartetes Thema „Aufbruchstimmung in Europa: neue Chancen für den Mittelstand nach den Europa-Wahlen.“ In einer tiefgründigen und inhaltsvollen, aber genauso realistischen und konstruktiven Rede zeichnete Prodi ein differenziertes Bild von einem starken Europa als eine der größten Errungenschaften der modernen Geschichte. So führte Prodi den Zuhörern die geopolitischen Veränderungsprozesse in mitunter erschreckend nüchterner Analyse verständlich entlarvend vor Augen. Europa verliere in der Welt seine Rolle des Gestalters und falle stattdessen mehr und mehr in die Rolle des Beobachters. Die Krise habe eine dramatische Welle der Renationalisierung ausgelöst, die sich wahrscheinlich noch verschärfen werde. Die jeweiligen Spitzenpolitiker der europäischen Nationen seien leider im Begriff, ihr ganzes Engagement auf das singuläre Wohl ihres jeweiligen Heimatlandes zu richten. Er erkenne bei vielen eine zunehmende Angst davor, durch deutliches übernationales Engagement der eigenen Karriere zu schaden. Dabei hätte Europa allen Grund, selbstbewusst anderen Machtblöcken der Welt entgegen zu treten, gerade mit Blick auf die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die in gemeinsamer Anstrengung der Europäischen Länder in den zurückliegenden Jahrzehnten möglich wurden. Beispielhaft nannte er die erfolgreiche Einführung des Euros und der elementaren Handels- und Reiseerleichterungen.
Eine Hoffnung sah Prodi allerdings auf Seiten der Wirtschaft, bei der die Globalisierung immer weiter vorangetrieben werde. Die überbetrieblichen Netzwerke des Mittelstandes, genannt Verbundgruppen, sehe er sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene als zielführend an. Ihm selbst sei der hohe Organisationsgrad allerdings erst in Vorbereitung auf den Convent bewusst geworden.
Nachgefragt durch den Tagungsleiter, ZGV-Hauptgeschäftsführer Dr. Ludwig Veltmann, ob denn der Eindruck täusche, dass Politiker prinzipiell die Interessen der Großunternehmen eher zur Kenntnis nehmen, als die der mittelständischen Unternehmer und deren Verbundgruppen, konterte Prodi prompt damit, dass die meisten Politiker grundsätzlich neutral seien. Leider jedoch seien offenbar mittelständische Unternehmen und deren Netzwerke schlechter organisiert als Großkonzerne und könnten sich deshalb schlechter Gehör verschaffen. Aus seiner Sicht benötigen sie eine viel stärkere Lobby und zugleich die Einsicht der Unternehmer, hierfür auch die notwendigen Mittel bereit zu stellen. Nur so kommen die Botschaften und Anliegen letztlich bei den politischen Entscheidungsträgern an.
Nach der Mittagspause referierte Dr. Sergio Imolesi, Generaldirektor des Nationalen Verbandes der Cooperative Dettaglianti zum Thema „Verändertes Verbraucherverhalten und Reaktionen der mittelständischen Unternehmen“. In seinem spannenden und kurzweiligen Vortrag stellte Dr. Imolesi den Verbraucher nicht nur als teilweise undankbar und motivationslos dar, sondern zeigte auch gleich entsprechende Lösungsansätze auf. Die Zauberworte lauten hier: Emotionalisierung, Kundentreue durch Konzepte, Motivation. Die klare Aufforderung an die Teilnehmer lautete: „Forget the consumer, get the shopper and we will get the business.“
Aktuelle Thesen und Perspektiven zur Zukunft der europäischen Handelsmärkte zeigte Hilmar Juckel, Geschäftsführer der BBE Retail Experts, den Teilnehmern auf. Überraschend: nur 37% des Gesamthandelsumsatzes in Europa fallen auf den Einzelhandel, Tendenz sinkend. Auch wenn manche Thesen nicht gerade optimistisch klangen — so prognostiziert die BBE den weiteren Umsatzverlust im Bereich des traditionellen Fachhandels — ließen sich viele positive Ansätze ableiten. In Zukunft werden die Verbundgruppen des Handels vor eine noch wichtigere Aufgabe und Herausforderung gestellt. Nur über entsprechende Dachmarken-Konzepte sowie eine höhere Bezugsbindung innerhalb der Verbundgruppen werden diese erstarkt aus der Krise heraustreten.
Den Abschluss des offiziellen Convent SME Groups Europe markierte der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Herbert Fandel, der es in seinem illustren Vortrag nicht nur verstand, eine Brücke vom Fußballfeld zum Verbundgruppen-Management zu schlagen, sondern darüber hinaus eine Vielzahl von Gemeinsamkeiten herausarbeitete. So geht es beim Schiedsrichteramt genau wie im Geschäftsleben darum, die Balance im Spiel zu halten. Hierzu benötigt man eine Führungskraft, die nicht nur ständig im Wind steht und in der Lage ist, andere Menschen zu führen, sondern darüber hinaus ausreichend Erfahrungen hat und dadurch akzeptiert und respektiert wird.
ZGV-Hauptgeschäftsführer Dr. Ludwig Veltmann, der das Programm fachlich gestaltet hatte und die Tagung moderierte, ermunterte die Teilnehmer zum Abschluss, die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen nicht nur in den eigenen Verbundgruppen umzusetzen, sondern diese auch im Rahmen des Begleitprogramms mit anderen TOP-Managern zu diskutieren und zu vertiefen. Gerade dies habe sich bereits Veranstaltungen der Vorjahre als besonders fruchtbar erwiesen.
Gelegenheiten dazu gab es reichlich: Nicht nur die am Fuße des Apenninzwischen den Flüssen Renound Savenagelegene Stadt Bologna, die es geschafft hat, Nostalgie und italienisches Flair im Stadtkern zu erhalten. Zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört zum Beispiel die Piazza Maggiore wo sich auch die Basilika San Petronio befindet oder die zwei schiefen Türme (Torre Garisenda und Torre Asinelli), die als Wahrzeichen der Stadt gelten. Auch die zahlreichen kulinarischen Köstlichkeiten, die die Teilnehmer in typisch italienischen Restaurants in und außerhalb von Bologna einnehmen konnten, das Ferrari-Museum in Maranello sowie ein Besuch in der romantischen Villa und Acetoria „Al Carletto“, wo den Teilnehmern die Herstellung des berühmten Aceto Balsamico gezeigt wurde.
Wann und wo der nächste Convent SME Groups Europe stattfindet, wird in Kürze von Dr. Veltmann und seinem Veranstaltungsteam, zu dem seine Assistentin Claudia Gossow und ServiCon-Vorstand Jan Schmüser gehört, angekündigt. Aufgrund der erfolgreichen Auftaktveranstaltung soll auch im nächsten Jahr der Versuch unternommen werden, ein Mitglied der UGAL in die Organisation einzubinden und dadurch eine weitere Internationalisierung herbeizuführen.
Anregungen und Fragen hierzu bitte an l.veltmann@zgv-online.de.