540 Tonnen weniger CO2 und viele edle Tropfen
10.000 Euro Energiekosten sparen die Weingärtner Cleebronn-Güglingen eG bisher durch Energieeffizienz-Maßnahmen. Die Weingärtnergenossenschaft aus Baden-Württemberg zeigt, wie fruchtbar Energieberatungen sein können.
03.08.2015
Cleebronn, 14.07.2015— Im Herzen des Zabergäus liegt die Weingärtnerei Cleebronn-Güglingen. Unweit vom Michaelsberg, dem Wahrzeichen und Wächter der Region, lädt das moderne Gebäude direkt an der Hauptstraße zum Werksverkauf. "Auch am Sonntag geöffnet" verrät das Hinweisschild kurz vor der Einfahrt. Die landschaftliche Schönheit ist schon beim Verlassen des Autos unverkennbar. Inmitten von Weinbergen bietet der württembergische Weinbau eine wahre Entdeckungstour. Hier befindet sich auch die Weingenossenschaft Cleebronn-Güglingen eG, deren Geschäfte Axel Gerst führt. Bei Sonnenschein und angenehmen Temperaturen begrüßt Kellermeister Andreas Reichert, der für die Behandlung der Weine zuständig ist, seinen Besuch.
Beim Betreten der Ladenverkaufsfläche fällt der Blick zuerst auf das breite Angebot. In zwei riesigen Wandregalen wird nur ein Bruchteil der hier verarbeiteten Weine ausgestellt. Die indirekte Beleuchtung in den Regalzwischenräumen und die behutsam gestalteten Weinfächer machen Lust, den Cleebronner Wein sofort selbst zu probieren. "Wir bieten unseren Kunden ca. 80 verschiedene Produkte an", erzählt Reichert. Für das ausgewogene Sortiment sorgen 500 Weingärtner aus den Weinbaugemeinden Cleebronn, Eibensbach, Frauenzimmern und Güglingen. Die Palette der 1951 gegründeten Genossenschaft reicht von feinfruchtigen Weißweinen bis hin zu kräftigen und ausdrucksstarken Rotweinen. Für Genussliebhaber hält die Winzerei geschmacklich alles bereit. Das fällt beim Blick in den Laden sofort auf.
Das Label ist bundesweit nicht unbekannt. "Ich habe kürzlich einen St. Michael probiert", schwärmt Michaela Helmrich, Pressesprecherin des MITTELSTANDSVERBUNDES. Aber nicht nur der Wein macht die Winzer aus Cleebronn außergewöhnlich. "Wir befinden uns hier in einem besonders innovativen Betrieb", erzählt Gunter Endres, stellvertretender Pressesprecher des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbandes, in dem auch die Weingenossenschaft Cleebronn-Güglingen Mitglied ist. Endres spielt auf das große Engagement der Weinanbauer in Sachen Energieeffizienz an.
Mit "angezogener Handbremse" zur Energieberatung
Energieverbrauch ist auch für den Weinanbau ein wichtiges Thema. Sommerliche Temperaturen wie heute erfordern kühle Lagerräume. "Damit der Wein seine Frische behält", erklärt Reichert. Dafür sorgt eine Kälteanlage im Flaschenlager, die aber ein besonders großer Energiefresser sei. "Aber der wichtigste Faktor ist die Gärkühlung", weiß der Weinbauexperte. Die energieaufwendige Kältemaschine ist dann ganz besonders wichtig. Energieeffizienzmaßnahmen sind für technisch aufwendige Prozesse vor allem kostensparend. Doch auf das Thema wurde die Genossenschaft erst zufällig aufmerksam. "Unsere alte Kälteanlage wurde mit dem Kältemittel R22 betrieben. Aber wir wussten, die Sache läuft aus. Die Maschine war 20 Jahre alt und hatte auch technische Probleme. Das Kältemittel zu erneuern wäre unwirtschaftlich gewesen", erzählt der Kellermeister. Es sei klar gewesen, in den kommenden Jahren in eine neue Kälteanlage investieren zu müssen. "Aber wir haben die ganze Geschichte mit angezogener Handbremse verfolgt", erinnert sich der Winzer.
Die EU-Fördergelder zur Qualitätssicherung im Weinanbau seien damals ausgeschöpft gewesen. Da kam die Energieberatung genau richtig. "Und der ökologische Gedanke ist bei großen Anschaffungen ja sowieso von Vorteil. Wir erzeugen jeden Tag Kohlendioxid. Irgendwann nähern wir uns Zuständen wie vor ein paar Millionen Jahren. Das wollen wir ja alle nicht", so Reichert.
Vor dem Hintergrund des steigenden CO2-Ausstoßes ist die Verbesserung der Energieeffizienz unabdingbar. Investitionen zur Energieeinsparung sind auch notwendig, um die wachsende Fixkostenbelastung zu reduzieren und um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. "Mittelständische Handwerks-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen haben hier noch Nachholbedarf – auch da es ihnen an vertrauenswürdigen Informationen und fachkundiger Unterstützung auf dem Weg zu einem sparsameren Energieverbrauch mangelt", erklärt Ernst Panse, Energieexperte des MITTELSTANDSVERBUNDES.
MITTELSTANDSVERBUND-Projekt berät bei Förderansprüchen
Um den kooperierenden Mittelstand unterstützend zur Seite zu stehen, hat DER MITTELSTANDSVERBUND 2012 ein umfangreiches Beratungsprojekt für die 230.000 angeschlossenen mittelständischen Unternehmen ins Leben gerufen. Mit Hilfe von "Mittelstand für Energieeffizienz", für das der Verband Zuwendungen vom Bundesumweltministerium erhält, soll der CO2-Ausstoß der Mittelständler um 5,7 Mio. kg reduziert und die Energiekosten um durchschnittlich 30 Prozent gesenkt werden. Zu diesem Zweck werden den Unternehmen speziell geschulte und beim BAFA zugelassene Energieberater an die Seite gestellt. Nach einer ersten kostenlosen Potentialerhebung folgen intensive Energieberatungen, die über das BAFA gefördert werden. Kommt es zu konkreten Energiesparmaßnahmen, werden dem Unternehmen die passenden Fördermöglichkeiten aufgezeigt. Schon jetzt konnten durch das bundesweite Projekt über 6,6 Mio. kg CO2 in mittelständischen Betrieben eingespart werden. Die Weingärtnerei im Zabergäus ist mit der Energieberatung sichtbar zufrieden. "Das Investitionsvolumen war schon sehr groß", erinnert sich Reichert. Doch die Energieberatung habe die Fördermöglichkeiten für die technischen Neubeschaffungen aufgezeigt. Das gab Planungssicherheit.
Förderung sichert Qualität und Energiesparsamkeit der Maschinen
"Nach der Beratung haben wir die Sache fast zwei Jahre lang ruhen lassen. Wir hatten eben doch die Hoffnung, dass die Anlage noch etwas läuft. Aber dann hat sie uns mitten in der Ernte verlassen. Da waren wir doch sehr froh, dass wir die Beratung bereits hinter uns hatten", verrät der Cleebronner Winzer. Geschäftsführer Gerst konnte mit etwa 30 Prozent Zuschuss bei der Neubeschaffung der Kälteanlage rechnen. Die Weingärtner freuten sich nicht nur über die Förderung. Denn die Zuschüsse ermöglichten eine Investition in preisintensivere und qualitativ hochwertigere Maschinen. "Wir sind ja eher eine konservative Branche. Wir denken weniger in zwei bis drei Jahreszyklen. Da überlegt man schon lange, in welche Anlage man investiert", erzählt Reichert. Die neue Kälteanlage befindet sich unmittelbar hinter dem Gebäude. Bis zu 35 Prozent Energie spart die Weinbaugenossenschaft seit der Anschaffung. "Man sieht, dass die Maschine noch neu ist", sagt Panse, Projektleiter von "Mittelstand für Energieeffizienz" des MITTELSTANDSVERBUNDES, als er die Kälteanlage beim Rundgang durch die Weingärtnerei betrachtet. Die Kälterohre befinden sich in einem nagelneuen Zustand. "Propan" steht auf dem Schaumgummi. Es liegt kaum Schmutz auf der Anlage.
Empfehlungen werden "nach und nach" umgesetzt
Auch der zweite Energiefresser sticht ins Auge. Die Empfehlung aus der Detailberatung, die veralteten, mit Öl befeuerten Dampfkessel durch eine moderne Wärmeversorgung zu ersetzen, soll als Nächstes angegangen werden. "Es war klar, dass die Heizung eine etwa gleich hohe Investition wie die Kälteanlage sein wird", erzählt Reichert. Die derzeitigen Dampfkessel seien technisch aber noch haltbar. Da müsse man schon überlegen, in welchen Bereich man zuerst investiert. Wärmeerzeugung sei hingegen nur vier Wochen im Herbst von Bedeutung. "Die Wärme benötigen wir dann, wenn der Rotwein aus den Beeren gewonnen wird. Die Temperatur wird dann etwa 3 Minuten lang von 40 auf 80°C hochgesetzt. Jeder Prozess verbraucht da rund ein MWh", erklärt der Kellermeister. Man müsse Prioritäten setzen. Die Kälteanlage würde schließlich täglich gebraucht. Da lohnt es sich aus Energiekosten schon mehr, zunächst in eine neue Kältemaschine zu investieren. Erst "nach und nach" sollen die Empfehlungen der Detailberatung weiter umgesetzt werden.
"Da werden wir wahrscheinlich zwischen einem Blockheizkraftwerk (BHKW) oder einer Wärmepumpe entscheiden", schildert Reichert die aktuelle Planung. Es gebe schon eine Menge Möglichkeiten, "aber es muss sich irgendwann am Ende des Tages rechnen." Rund 32.000 Euro könnte die Weingärtnerei mit einem BHKW der Größenordnung 50 kWel pro Jahr einsparen. Das entspricht einer Einsparung von rund 128 Tonnen CO2 jährlich. Vergleichsweise weniger zögerlich war der Winzerbetrieb bei der Optimierung der Drucklufttechnik. "Vor zwei Wochen haben wir die neue Drucklufttechnik installiert bekommen", berichtet der Winzer. Die sei vor allem bei der Abfüllung der Weine wichtig, erzählt er auf dem Weg in den Maschinenraum. In einer großen Halle laufen Flaschen am Fließband. Vereinzelt kann man sehen, wie die Flaschen mit den edlen Tropfen befüllt werden.
"Wir haben die Kompressoren ausgetauscht. Das sind drei Stück, nun frequenzgeregelt", zeigt uns Reichert die Erneuerungen im Maschinenraum. Um einen weiteren Maschinenausfall während der Ernte zu vermeiden, entschied man sich frühzeitig, die Druckluftanlage zu erneuern. "Da sind wir drauf angewiesen. Zwei der Kompressoren haben schon ein wenig Probleme gemacht. Da mussten wir was tun", berichtet der Kellermeister der Weingärtnerei.
LEDs und Solarenergie: neue Impulse senken Energieverbrauch
Auch die Beleuchtung ist Bestandteil der energetischen Sanierung im Cleebronner Betrieb. "Das ist aber im Vergleich zu Kälte und Wärme ein eher geringer Anteil am Energieverbrauch", verrät der Weinmacher. Deshalb wird die bisherige Beleuchtung mit konventionellen Vorschaltgeräten (KVG) erst nach und nach durch LED-Leuchten ersetzt. "Wenn eine Lampe den Geist aufgibt, setzen wir direkt neue LEDs ein", so Reichert.
Ähnlich sieht es der Weinbauexperte mit der vom Energieberater empfohlenen Solaranlage: "Das haben wir schon 2011 angestoßen. Damals wurde ja noch nach Süden ausgerichtet. Aber dann hat man gemerkt, dass die Statik des Gebäudes wegen der Windangriffsfläche nicht ausreicht. Die Planung wurde dann erst einmal auf Eis gelegt." Nachdem der Nachbar eine private Photovoltaik-Anlage installiert hatte, gab es neue Impulse. Denn die Solarbranche hat sich so schnell entwickelt, dass der Stand nach wenigen Jahren grundlegend anders war.
Während Reichert den Weg aufs Dach einschlägt, erklärt er, wie der Planungsprozess weiterging: "Wir haben uns dann entschieden, die Solaranlage nach Ost-West auszurichten. Das war dann schon der neueste Stand." Etwa 40 Stufen braucht es, bis man auf dem Dach der Weingärtnerei ankommt. Bauarbeiter sind gerade dabei, die nächste Reihe der PV-Anlage zu montieren. Schon knapp ein Drittel der Dachfläche ist bebaut. Die auf dem Boden angebrachten Halterungen lassen vermuten, dass wohl in kurzer Zeit das komplette Dach mit Solarfeldern ausgestattet sein wird. Hinter den Bauarbeiten befinden sich die Weinberge. Es fühlt sich fast wie Urlaub an, wenn man auf die Württembergische Weinbaulandschaft blickt.
Energiekostensenkung zieht Mitglieder an Board
Die Mitglieder von den Energiemaßnahmen überzeugen, war zunächst keine leichte Aufgabe, erzählt Reichert. Größere Investitionen seien in Kooperationen immer Anlass zur Diskussion. "Ist das auch eine Generationenfrage?", will Panse wissen. "Wir denken nachhaltig und langfristig. Größere Anschaffungen werden schon genau durchgerechnet. Die müssen eben auch halten", entgegnet der Cleebronner Winzer. Aber letztlich habe das Ziel des Einsparens von Energie bei gleichzeitiger Kostensenkung überzeugt. Die Mitglieder der regionalen Weingenossenschaft seien mittlerweile stolz auf das Geleistete.
Einsparungen der Energie "direkt spürbar"
"Wir haben schon im ersten halben Jahr die Ergebnisse der Umsetzungsmaßnahmen gespürt. Das ging wirklich schnell", zeigte sich Andreas Reichert erfreut. Anfänglich sei er skeptisch gewesen. Man habe keine Änderungen im Betrieb vorgenommen. Dementsprechend waren die Erwartungen gering. "Aber alleine die neue Kälteanlage hat sich direkt bemerkbar gemacht. Im ersten Jahr haben wir schon 100.000 kWh gespart. Das sind über 10.000 Euro." Etwa 100.000 Euro jährlich kann die Weingenossenschaft Cleebronn-Güglingen insgesamt einsparen, wenn alle Maßnahmen der Detailberatung umgesetzt sind. Sie würde dann etwa 1.425 MWh weniger Strom verbrauchen und 538 Tonnen weniger CO2 produzieren. Reichert schätzt, dass etwa 55-60 Prozent der empfohlenen Maßnahmen der Energieberatung heute schon umgesetzt sind. "Wir sind weiter dran. Aus ökologischer Sicht ist energieeffizientes Arbeiten auf jeden Fall sinnvoll. Es war gut, dass wir damals auf die Beratungsmöglichkeiten gestoßen sind", so Reichert.